Gedanken

Warum Goethe heute?

… weil er auf einzigartige Weise sowohl die Modernisierung verkörpert als auch die Skepsis und den Widerstand gegen sie. In der Literatur ist er ein Avantgardist mit – zum ersten Mal für einen deutschen Schriftsteller – internationalem Erfolg; als Naturforscher ist er der letzte ernst zu nehmende Dilettant, der gegen die Mathematisierung und Spezialisierung ein sinnlich teilnehmendes Naturverständnis sucht; als Denker ist er von so zurückhaltender wie souveräner Selbstständigkeit, die sich mal konservativ, mal pionierhaft zukunftweisend vom damals Zeitgemäßen abhebt; das alles mit einer solchen sprachlichen Leichtigkeit und Präzision, dass Goethes Werke als klarstes Musterbuch dienen können: für die Spannung zwischen dem Drang nach Modernisierung und der Sorge um Beständigkeit – eine Spannung, die unser Leben heute noch prägt, vielleicht mehr denn je.

(Prof. Dr. Stefan Matuschek, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Präsident der Goethe-Gesellschaft in Weimar e.V.)

 

29. Oktober 2025


Am 29. Oktober 2025 war unser Mitglied Dr. Thomas Göller zu Gast und las aus seinem neuen Roman “Unsterbliche Überreste”.

Neben philosophischen Werken veröffentlichte Thomas Göller Romane und Lyrikbände. Als Professor lehrte er unter anderem in Tokyo, Karlsruhe, Marburg und war als Gymnasiallehrer an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Fulda tätig.

 

Unter dem Titel „Goethes Geist sucht Schillers Schädel“ erschien in „literaturkritik.de“, Ausgabe 05-2026, eine Rezension von Prof. Dr. Rudolf Lüthe.
(https://literaturkritik.de/goeller-unsterbliche-ueberreste-goethes-geist-sucht-schillers-schaedel,31989.html)

Die Rezension würdigt Thomas Göllers Roman „Unsterbliche Überreste“ als spannendes, kenntnisreiches und literarisch lehrreiches Werk über die Weimarer Klassik und ihren Missbrauch durch wechselnde politische Systeme. Im Zentrum steht das rätselhafte Schicksal von Schillers Gebeinen und Schädel, die sich am Ende als nicht echt erweisen. Göller verbindet diese kuriose Totengeschichte mit deutscher Geschichte vom frühen 19. Jahrhundert über Nationalsozialismus, Besatzungszeit, DDR und Bundesrepublik bis zur DNA-Untersuchung im Jahr 2008.
Besonders positiv hebt die Rezension hervor, wie der Roman zeigt, dass Goethe und Schiller immer wieder ideologisch vereinnahmt wurden. Gelobt werden die dichte Atmosphäre, die differenzierten Figuren und die geschickte Verbindung von historischer Recherche, politischer Analyse und literarischer Fantasie. Kritisch angemerkt werden lediglich sehr drastische forensische Schilderungen und der Wunsch, vom lebenden Schiller mehr zu erfahren.
Insgesamt fällt das Urteil klar positiv aus: „Unsterbliche Überreste“ wird als überaus lesenswertes Buch empfohlen — nicht nur für Liebhaber der deutschen Klassik, sondern für alle, die sich für deutsche Geschichte, Kultur und Geistesgeschichte interessieren.

Auszug aus dem Beitrag von Prof. Dr. Rudolf Lüthe:
„Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller, schon wieder? Tote Dichter, ein leerer Sarg und ein fehlender Schädel? Doch wer meint, über die berühmten Klassiker sei alles gesagt, darf sich überraschen lassen. Thomas Göller erzählt in seinem Roman Unsterbliche Überreste nicht nur vom Schicksal toter Knochen, sondern höchst lebendig auch von der wechselhaften deutschen Geschichte und Geistesgeschichte.
…Der Umgang mit den toten Dichtern ist mehr als ein bizarrer Totenkult. Zeigt er doch, wie man versucht, die Klassiker für die jeweiligen Zwecke zu instrumentalisieren: im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, in der NS-Zeit, in den beiden deutschen Staaten und nach der Wiedervereinigung.
… Was den Roman nicht nur spannend, sondern auch im besten – das heißt im literarischen – Sinne lehrreich macht, sind Passagen, in denen im Weimar der Goethezeit die Protagonisten selbst zu Wort kommen. Das betrifft den für uns Heutige nur schwer verständlichen Umgang mit Tod und Toten. Der Sprachforscher und Philosoph Wilhelm von Humboldt, der sich Ende 1826 in Weimar aufhält, schildert seine Eindrücke einer merkwürdigen Begegnung mit Goethe: Nachts im Kerzenschein präsentiert ihm der greise Dichter Schillers Totenkopf. Er stellt tiefgründige, aber auch kryptisch anmutende Betrachtungen über den Schädel als äußere Erscheinungsform des Geistes an. 
… Die Handlung des Romans ist weitgespannt, die Figuren sind differenziert charakterisiert. Der Leiter des Goethe-Archivs in Weimar, Professor Vahl, wird als überzeugter und intriganter Nationalsozialist dargestellt, der sich erst den US-Amerikanern und dann den sowjetischen Machthabern andient.
… Goethe wird als eigensinniger, alternder, zur introvertierten Selbstdarstellung neigender „Dichterfürst“ mit Ironie, aber nicht ohne Sympathie gezeichnet.
… Ein Höhepunkt des Romans: Wir sind in Goethes Arbeitszimmer dabei anwesend, wie in mühsamer dichterischer Arbeit nach und nach das Gedicht Bei Betrachtung von Schillers Schädel entsteht.
… Doch auch Kritisches lässt sich anmerken: So die Mazeration Goethes, die nötig wird, um sein Skelett zu erhalten. Die forensischen Vorgänge werden ausführlich und sehr drastisch dargestellt. Kein noch so kleines Detail, das bisweilen sarkastisch beschrieben wird, wird ausgelassen.
Auch hätte man vom lebenden Schiller gerne mehr erfahren. Denn dieser ist nicht nur Antipode und Konkurrent, sondern auch der große und kongeniale Anreger und Freund Goethes. Ihr Verhältnis zueinander hätte sicherlich weitere spannende Facetten für die Handlung und die Charakterisierung beider Dichter ergeben. Als verborgenes Zentrum ist er dennoch im Romangeschehen gegenwärtig und in diesem Sinne „anwesend“.
… Als Resümee lässt sich festhalten: Thomas Göller hat ein spannendes, lehrreiches und überaus lesenswertes Buch geschrieben – nicht nur für diejenigen, die sich für die deutsche Klassik, sondern für alle, die sich für die wechselvolle deutsche Geschichte und Geistesgeschichte interessieren.“

(Thomas Göller: Unsterbliche Überreste. Roman. Königshausen & Neumann, Würzburg 2025. 302 Seiten, 24,80 EUR. ISBN-13: 9783826094767)

 

25. Oktober 2020

Ein Blick in Goethes Kreativität

Den Vortrag von Rainer Matthias Holm-Hadulla Anfang Oktober konnten wir corona-bedingt leider nicht durchführen, aber kommendes Jahr werden wir das – sofern es die Pandemie es zulässt – nachholen. Bis dahin möchten wir auf Holm-Hadullas Buch „Leidenschaft. Goethes Weg zur Kreativität Eine Psychobiographie“ verweisen, um die Zeit bis zu seinem Besuch bei unserer Gesellschaft ein wenig zu Verkürzen. Beste Lektüre für die nun anstehenden gemütlichen Monate des Jahres.

(Rainer Matthias Holm-Hadulla: Leidenschaft. Goethes Weg zur Kreativität. Eine Psychobiographie, Vandenhoeck & Ruprecht 2019.)
Hier eine Rezension (PDF) zum Buch.

 

25. August 2020

Buchempfehlung: Goethe für Klugscheißer

Dr. Dagmar Gaßdorf und Dr. Bertold Heizmann sind Mitglieder der Goethe-Gesellschaft Essen. Ihr Buch „Goethe für Klugscheißer“ möchten wir jedem Goethe-Liebhaber wärmstens ans Herz legen, denn auch wenn man glaubt, den Dichterfürsten in- und auswendig zu kennen, wird man hier ein ums andere Mal überrascht. Hier erfährt man, welche Redewendungen auf Goethe zurückgehen, unter welchem Pseudonym Goethe durch Italien reiste, wo der nach Goethes Romanfigur benannte Lotte-Tower steht und viele andere Dinge über Goethe, von denen man bisher nicht einmal geahnt hat, dass man sie unbedingt wissen möchte.

(Dagmar Gaßdorf & Bertold Heizmann: Goethe für Klugscheißer. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten, Klartext 2020.)

 

1. Mai 2020

Das Denkmal „Stein des guten Glücks“ – ein Symbol Goethes  

Den „Stein des guten Glücks“ oder „Altar der Agathe Tyche“ ließ Goethe im Jahr 1777 neben sein Gartenhaus in die Weimarer Ilmwiesen setzen. Es war ein Geburtstagsgeschenk des Achtundzwanzigjährigen an Charlotte von Stein.

Die Formensprache des Denkmals lädt ein zu einem tieferen symbolischen Verständnis. Der steinerne Quader verkörpert Klarheit, Stabilität und Beständigkeit. Die darüber liegende Kugel dagegen symbolisiert ruhelose Bewegung, Dynamik, Labilität, launisches Glück.
Bezieht man diese gegensätzlichen Kräfte aufeinander, so ergeben sie – sich verstärkend – eine neue Einheit, eine bewegliche Ordnung.  Die beiden Kräfte streben nach Ausgleich, der sich in der zentral ruhenden Kugel als GLÜCK darstellt.

Goethe selbst verzichtete auf jede Inschrift oder Erklärung, folglich lässt der Sandsteinkubus mit der Kugel bis heute Raum für vielerlei Deutungen.